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Neue Musik von Bilderbuch

Stille, Drohnen und Mut: Bilderbuch veröffentlichen vielleicht das radikalste Pop-Musikvideo der letzten Jahre

Wenn über Musikvideos gesprochen wird, geht es meistens um große Bilder, schnelle Schnitte und noch größere Budgets. Mehr Content, mehr Reize, mehr Aufmerksamkeit. Bilderbuch machen (wieder mal) das Gegenteil.

Mit ihrer neuen Single „Irgendwo“ liefern Bilderbuch nicht nur einen neuen Song. Sie veröffentlichen ein Musikvideo, das sich eher wie eine Kunstinstallation oder ein moderner Stummfilm anfühlt, einer, der zufällig von einem Popsong begleitet wird.

Während andere Musikvideos versuchen, möglichst viel zu zeigen, entscheidet sich dieses hier für Reduktion. Lange Einstellungen, kaum klassische Dramaturgie, eine Atmosphäre zwischen Performance, Filmexperiment und Galerieinstallation. Es ist ein Musikvideo, das sich fast weigert, ein Musikvideo zu sein. So etwas einfach zu veröffentlichen, braucht Mut.

Denn im Zeitalter von TikTok-Clips, Scroll-Geschwindigkeit und Sekundenaufmerksamkeit wirkt diese Art von Video fast schon radikal entschleunigt. Bilderbuch nehmen sich Raum, lassen Szenen wirken und vertrauen darauf, dass ihr Publikum bereit ist, sich darauf einzulassen. Durchaus ein Risiko. Vielleicht ist es ihnen aber auch einfach egal, was ihre Fans erwarten oder ob sie und die Musikindustrie dafür bereit sind. Wenn das die Einstellung dahinter ist, sollten sich viele bekannte Künstler:innen davon eine große Scheibe abschneiden.

Der Song selbst steht dem visuellen Experiment in nichts nach.

Textlich gehört „Irgendwo“ zu den düstersten und gleichzeitig aktuellsten Momenten der Band seit Langem. Zeilen wie

„Drohnen am Himmel über uns
Leuchten wie Sterne
Oh, es herrscht Krieg, Baby,
In weiter Ferne
Doch solange ich bei dir bin
Werd ich nicht sterben“

treffen einen seltsam direkten Nerv der Gegenwart. Zwischen romantischer Intimität und globaler Bedrohung entsteht ein Spannungsfeld, das eher zum Nachdenken als zum Mitsingen einlädt. Gute Laune macht der Song nicht unbedingt, aber genau deshalb bleibt er hängen.

Die Produktion ist (typisch Bilderbuch) fantastisch: warm, detailreich, herrliche Gitarren, großartige Vocals.

Fast genauso spannend wie Song und Video ist allerdings das Drumherum.

Parallel zum Release taucht neuer Merch auf: Hoodies und Shirts mit der Aufschrift „Protect me from the music industry“.

Gesellschaftliche „Normen“ kritisch zu hinterfragen gehört bei Bilderbuch schon lange zum Kern ihrer Texte. Doch diesmal richtet sich der Blick auch nach innen – auf die Mechanismen der eigenen Branche. Ein kleiner Seitenhieb auf Streaminglogik, Vermarktungsdruck und eine Industrie, die Musik oft lieber kalkulierbar als mutig hätte.

Eine wirklich großartige Arbeit und für uns jetzt schon das beste Musikvideo des Jahres.

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