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Glitzernde Reibung: Harry Styles neues Album
Harry Styles sucht auf seinem neuen Album den Pop von morgen
Es gibt Pop-Alben, die man einmal hört, kurz nickt – und dann wieder vergisst. Und dann gibt es diese Platten, die sich erst beim dritten oder vierten Durchlauf langsam öffnen. Wie eine Tür, die absichtlich ein bisschen klemmt. Das neue Album von Harry Styles gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Der Sound wirkt aufregend frisch, gleichzeitig erstaunlich selbstbewusst produziert. Alles klingt größer, wärmer, mutiger als vieles, was aktuell im Pop-Mainstream rotiert.
Ganz ohne Reibung funktioniert das allerdings nicht. Die erste Single „Aperture“ bleibt für uns ein kleiner Stolperstein. Als Vorbote fürs Album wirkt der Song fast irritierend glatt – ein bisschen zu sehr auf Radiotauglichkeit gebürstet, aber ohne die große Hook, die hängen bleibt. Der Funke will hier einfach nicht so richtig überspringen. Wenn man sich Kommentare und Kritiken anderer Plattformen anschaut, scheint das allerdings eher eine Einzelmeinung zu sein. Aber auch das ist ja das Schöne: Am Ende bleibt Musik immer noch eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Styles bewegt sich überraschend häufig in funky Gefilden. Mehr Groove, mehr Rhythmus, mehr Mut zum Tanzen. Immer wieder blitzen Momente auf, die deutlich in Richtung der großen Glam- und Pop-Ikonen der Siebziger schielen. An manchen Stellen fühlt man sich tatsächlich ein wenig an David Bowies „Let’s Dance“-Phase erinnert.
Besonders stark wird das Album allerdings immer dann, wenn es ruhiger wird.
„The Waiting Game“, “Paint By Numbers” und „Coming Up Roses“ gehören ohne Frage zu den emotionalen Highlights der Platte. Alle drei Songs sind wunderbar balladesk, ohne jemals ins Kitschige zu kippen. Stattdessen bauen sie langsam Spannung auf und lassen Raum zum Atmen.
Und dann ist da noch „Pop“.
Der Titel wirkt fast ironisch. Der Song selbst ist alles andere als konventionell. Produktionstechnisch gehört er zu den spannendsten Momenten der Platte. Hier wird hörbar mit Übersteuerung gearbeitet, mit bewusst rauen Kanten und einem Sound, der gleichzeitig glänzt und knarzt. Das Ergebnis: ein Track, der sich mutig gegen die klinisch saubere Streaming-Ästhetik vieler aktueller Pop Produktionen stellt. Sehr geil produziert, ehrlich gesagt.
Überhaupt ist dieses Album kein Schnellkonsum.
Viele Songs erschließen sich erst nach mehreren Durchläufen. Melodien verstecken sich zwischen den Arrangements, kleine Produktionsdetails tauchen plötzlich erst beim vierten Hören auf. Genau das macht die Platte aber so reizvoll: Sie verlangt Aufmerksamkeit – und belohnt sie auch.
In einer Poplandschaft, die oft erstaunlich gleichförmig klingt, wirkt Harry Styles’ neues Album deshalb vor allem wie eines: erfrischend. Nicht jeder Song zündet sofort, und manche Ideen funktionieren besser als andere. Aber genau diese Mischung aus Experiment, Groove und starken Popmomenten sorgt dafür, dass man immer wieder zurückkommt. Und genau das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem Pop-Album machen kann.
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